Manches Mal habe ich mich gefragt, was ist wohl die Hölle? Ein dunkles Loch, in dem man Qualen erleiden muss? Ein Ort, an dem die Seele solange im Feuer brennen muss, bis sie geläutert ist?
Der Offizier, der den Abschuss eines Sprengkörpers befiehlt, müsste danach die Leiden aller Personen durchleben, die davon getroffen wurden: wohlmöglich zig mal sterben, verstümmelt um sein Überleben kämpfen und auch die Qualen aller Hinterbliebenen durchmachen.
Beide Ideen haben ihren Ursprung vermutlich in einem ungestillten Verlangen nach einer höheren Gerechtigkeit. Eine Abrechnung mit denen, die im Leben nicht erwischt wurden oder nicht erreichbar sind. Stark vereinfacht, also wohl eine Art von Rache-Wunsch!?
Meine ganz persönliche Form, einer kleinen Hölle, habe ich aber tatsächlich schon erlebt. Es geschah nach einem Unfall als Folge des künstlichen Komas.
Jedenfalls wurde ich irgendwann wach, in einem Bett. Also muss ich wohl geschlafen haben. Die Bruchstücke an Erinnerungen von vorher erschienen mir wie ein Traum, ein blöder Traum. Es war zwar irgendwie immernoch alles trübe und verschleiert, aber ich war inzwischen wach genug, um mir das, was ich dachte diesmal zu merken. Es schien Nacht zu sein, alles war nur spärlich beleuchtet. Ich fühlte mich nicht gut und schwach. Überall waren Schläuche und Kabel, Dinge die mich fesselten: Fesseln! Ausserdem gab es Gitter rund um mich herum. Meine Güte, wo war ich? Ich wollte etwas sagen, aber das ging nicht. Ich konnte zwar meine Lippen bewegen, aber es kam kein Laut aus meinem Mund. Verdammt, ich konnte nicht einmal meine Zähne auseinander bekommen und das was ich mit meiner Zunge ertastete, fühlte sich nicht wie meine Zähne an, sondern wie Ruinen.
Ich war gefangen an einem Ort, den ich nicht kannte. Eine Angst, ein Wahnsinn nahm Besitz von mir und ich wollte nur noch weg. Einige der Fesseln liessen sich spielend leicht abstreifen, aber ich war trotzdem zu schwach um aufzustehen. Also wollte ich über dieses Gitter rüber krabbeln. Wenn ich nur dieses erste Hindernis hinter mich gebracht hätte, dann könnte ich, wenn es sein muss, auf allen Vieren von hier wegkriechen. Aber ich war zu schwach und irgendetwas hielt mich pieksend fest. Nicht mal dieses einfache Hindernis konnte ich überwinden. Ich wollte meine Enttäuschung hinausschreien, aber nicht einmal das ging, ich war nicht in der Lage ein Geräusch von mir zu geben.
Die Stimme einer alten Frau erklang und verpetzte mich. Sie rief, ich wolle aus meinem Bett klettern und prompt erschien irgendeine Mithelferin, redete beruhigend auf mich ein und schob mich mit sanfter Gewalt zurück, sie musste wissen, dass ich nichtmal um Hilfe rufen konnte. Ich erinnere mich nicht mehr an ihre Worte, wahrscheinlich hörte ich ihr nicht einmal richtig zu, aber ich war mir sicher sie wollte mich nur einlullen, um ein leichteres Spiel mit mir zu haben. Da ich aber so enttäuscht war und mich noch schwächer fühlte, viel zu schwach, um mich zu wehren, liess ich sie machen.
Vermutlich schlummerte ich kurz ein, denn in meiner nächsten Erinnerung war ich wieder allein, innerlich völlig aufgewühlt, mit dem trüben Gedanken, es gibt kein Entkommen, denn ich werde sogar bewacht. Für mich verging eine Ewigkeit, in der sich meine Gedanken im Kreis drehten: ich will hier weg, aber ich kann nicht, welchen Ausweg gibt es nur, wenn ich nur nicht so schwach wäre, warum bin ich eigentlich so schwach, wo zur Hölle bin ich und warum ...